Warum ich lieber bei den Grünen bin
 
Immer wieder fragen wohlmeinende Menschen, die der Mehrheitspartei angehören oder ihr nahe stehen: „Was machst ausgerechnet Du bei den Grünen, Du gehörst doch eigentlich zu uns!“ Die guten Leute wollen wissen: Warum hat ein zutiefst bürgerlicher, geschichts- und traditionsbewusster Mensch von unpolemischem Gastwirts-Gemüt sein Quartier bei einer Partei aufgeschlagen, die vielen immer noch als der Gottseibeiuns schlechthin gilt: als linksalternative, multikulturelle Ethno-Vermischer mit Hang zu unkoscheren Lebenspartnerschaften.
Es sei getrommelt und gepfiffen: Heilfroh bin ich, bei einer Partei zu sein, die einen scharfen Trennungsstrich zu den Machtinhabern gezogen hat. Zutiefst dankbar, einer Bewegung anzugehören, die immer wieder ihr scharfes „Nein!“ einwirft: Nein zu den ständigen Kuhhändeln, stillen Geschäften und politischen Spagaten, die die Macher der Mehrheitspartei vollführen. Nein zu falsch verstandenen christlichen Wurzeln und einer öffentlichen Pseudo-Frömmigkeit, die vorab darauf zielen, den historisch gewachsenen Untertanengeist vieler Südtiroler noch tiefer zu verankern. Nein zum Herrschaftsanspruch einer „deutschen“ Partei, die die italienischsprachigen Mitbürger zur fünften Kolonne der Staatsmacht erklärt, ihnen aber in Wirklichkeit die Rolle eines Hilfsvolkes zuweist. Nein zur Kumpanei mit einem Medienhaus, das andere Sprachgruppen ausgrenzt, die Mehrheitspartei einer subtilen Kontrolle unterwirft und die politische Minderheit totschweigt oder instrumentalisiert.
 
Die Mehrheitspartei hat gute Leute: Meine Traumkandidatin als Landeshauptfrau bleibt Cristina Kury, bald danach aber käme die clevere, aber integre und integrative Martha Stocker. Ähnliche Wertschätzung gilt weiteren Frauen, Arnold Schuler oder Otto Saurer, dem wir ein herzliches Adieu zurufen. Aber das reicht nicht: Die Mehrheits-Machtmaschine muss sich insgesamt einer inneren Revolution unterziehen, um wieder voll demokratie- und südtiroltauglich zu werden.
Ebenso grundlegend aber ist es, dass die Grünen weiter wachsen und an Profil gewinnen. Das Nein ist wichtig, reicht aber längst nicht mehr aus. Die nächsten Jahre stehen im Zeichen des „Ja“, der harten, konkreten Arbeit an einer Vision Südtirol. Die Grünen haben die Pflicht – wenn dieses Land wachsen soll – endlich mitzuregieren. Sie müssen nach dem Abgang des Sternenkönigs, nach einer Generalüberholung der SVP, in fünf, spätestens in zehn Jahren, Verantwortung für Südtirol übernehmen.
Dazu wünsche ich uns Grünen vorab eine Verstärkung des bestehenden Personalstocks. Wir müssen mit Hingabe nach Personen fischen, die Qualifikation, Erfahrung und Visionskraft in unser politisches Angebot einbringen. Michil Costa, Brigitte Foppa oder Annamaria Corradi sind Glücksfälle, die es zu hegen und zu pflegen gilt. Und wir brauchen noch mehr Kaliber mit Praxis- und Managementqualität, Erfolgsnachweisen und innerem Feuer.
Ebenso wichtig wie ein starker Personal-Kader sind Visionen für eine Neugestaltung Südtirols. Die Zukunft spielt in den Bereichen Demografie, Bildung, Innovation und Energie. Das Land muss einen beispiellosen Alterungs- und Zuwanderungsprozess gleichzeitig bewältigen, der höchsten Einsatz fordert. In Schul- und Weiterbildung gewinnt eine Mehrsprachigkeit, die über das Italienische und Deutsche hinausgeht, enormen Stellenwert.
Unternehmen und Verwaltung benötigen einen Innovationsschub, der ihre Wettbewerbs- und Sozialverträglichkeit auf eine neue Stufe hebt. Schließlich muss Südtirol das fossile Zeitalter hinter sich lassen und in Energieeffizienz und autofreier Mobilität neue Maßstäbe setzen.  Hierzu benötigt Südtirol einen Willen zur Gestaltung der Zukunft, der sich erst in Ansätzen hervorwagt. Noch ist zuviel Beton in den Köpfen, hingegen zu wenig Vertrauen in die befreiende, den Wettbewerb beflügelnde Kraft der Demokratie und Zusammenarbeit. Die Schweiz, die auf solche Qualitäten setzt, ist nah und doch so fern.
 
Es ist keine leichte Zeit für uns Grüne. Das Land und seine Gesellschaft stehen vor einer Wegscheide. Die Versuchung ist groß, den Rechtsruck, der sich bei den Wahlen abzeichnen wird, auf Dauer zu stellen. Die Schotten dicht zu machen und die Illusion einer kleinen, engen Gemeinschaft zu pflegen.
Trotzdem muss Südtirol jetzt den Übergang zu einer europäischen und weltoffenen Region schaffen: Mit echter Demo- statt Durnokratie, mit innerer anstatt äußerer Selbstbestimmung, dank einer Selbstreinigung, einem Update von Institutionen, Wirtschaft und Kultur. Dass dies ohne Grüne nicht zu schaffen ist, wird immer mehr Bürgern dämmern. Aber nur dann, wenn wir überzeugend auftreten und jene souveräne Lockerheit beweisen, die ein grünes Markenzeichen werden muss.