Der Wetterfrosch
 
Elf Jahre nach seinem Tod hat Richard Kippenberger einen effektvollen Coup gelandet. Sein Frosch-Cruzifixus „Die Füße zuerst“ hat anlässlich der Museion-Eröffnung in Südtirol die Bruchlinien zwischen Kunst und Religion, Politik und Kultur, Medienmacht und Populismus in neuer Schärfe offen gelegt. Die inneren Befindlichkeiten des Landes, die Zerrissenheit und Desorientierung seiner Gesellschaften und Führungsgruppen treten markant und makaber hervor.
 
„Unerhörte Respektlosigkeit, entartete Kunst, Schweinerei“ schäumt es aus den Medien, zumal aus Leserbriefen an die „Dolomiten“. Die tapferen Versuche anderer Zeitungen, zumal der Tageszeitung und des Wochenmagazins ff, einen sachlichen, argumentativ ausgewogenen Diskurs zu führen, kommen kaum an gegen das medial gesteuerte und provozierte Aufwallen der Volksstimmung
 
Sieben Thesen:
 
Die Provokationen und der Charakter zeitgenössischer Kunst haben in Südtirols breiter Öffentlichkeit keine Chance. Eine weithin dominante Haltung ist der Kitsch, die Ästhetik der Holzbalkone, Türmchen und Geranien, der Sound der Kastelruther Spatzen und der Folklore-Vomitus von Gruppen wie „Sauguat“. Werden hingegen Südtirols Landschaften verhunzt, mit Kubaturgeschwülsten und Asphalt überzogen, fühlt sich niemand auch annähernd so beleidigt wie durch Kippenbergers Frosch, obwohl solche Eingriffe die Schöpfung um ein vielfaches mehr verhöhnen.
 
Religion wird als fundamentalistischer Diskurs begriffen. Der christliche Glaube, der eigentlich gefestigt genug sein sollte, um eine kleine Provokation wie den Frosch souverän zu bestehen, wird als ausschließende Waffe begriffen. Die empörten Kritiker wollen nicht akzeptieren, dass in einem Kunstraum wie dem „Museion“ Provokationen nicht nur möglich, sondern notwendig sind. Das Leid des Gekreuzigten wird nicht verhöhnt, sondern umgedeutet und variiert. Kippenbergers Oeuvre ist keine große Kunst, aber ein anregender und nachdenklicher Versuch.
 
Politik reagiert mit Feigheit oder ringt um Fassung. Der Landeshauptmann, zunächst stolz geschwellt über „sein“ Museion, ersucht um Abnahme des Kunstwerks und überlässt es im übrigen seiner Landesrätin, die Suppe auszulöffeln. Diese mahnt die Museions-Direktion zu recht, sich der Debatte zu stellen, sie sollte aber auch ihre Regierungsmitglieder zu einer gemeinsamen, souveränen Haltung veranlassen. Nur zur Erinnerung: Es gibt nicht eine, sondern drei Landesräte für Kultur.
 
Die „Dolomiten“ nutzt die Affäre als Druckmittel. Die katholische Linie des Blatts dient als Vorwand, um die Öffentlichkeit zu erregen und die Verantwortlichen unter Druck zu setzen. Die Politik wird in Geiselhaft genommen, um sie auch in anderen Angelegenheiten gefügig zu machen, etwa im Hinblick auf die glatte Durchwahl des Athesia-Chefs zum Präsidenten der Handelskammer. Michl Ebners von ihm selbst gewünschte, von der Wirtschaft windelweich abgenickte Erhebung in das Amt ist ein ungleich größerer Skandal als Kippenbergers Arbeit, ein Anschlag auf die juristisch, ethisch und politisch gebotene Trennung von Medien, Politik und Wirtschaft.
 
Künstler und kulturell Tätige leiden unter Rückgratschwund. Nur zögerlich kommen Stellungnahmen, entschieden und zeitgerecht von Armin Gatterer, immerhin ziehen Kulturbeirat, Künstlerbund und einzelne Künstler nach. Insgesamt aber fehlt eine einheitliche Haltung von Künstlern und Autoren, die sich eigentlich am entschiedensten gegen Zensur wehren müssten. Woher kommt die froschige Angststarre angesichts einer empörten Öffentlichkeit? Rührt der Positionsschwund aus jahrelanger Anpassung an Markt- und Landes-Subventionen? Vor 25-30 Jahren wäre soviel ängstlicher Defaitismus nicht denkbar gewesen, Kunst war damals politisch engagierter und weniger angepasst.
 
Die Museions-Leitung nimmt die Herausforderung nicht auf. Die Frosch-Affäre, eigentlich ein Glücksfall, wird als Bedrohung empfunden, vor der man am besten den Kopf in den Sand steckt. Keine adäquate, keine souveräne Reaktion, sondern nur lähmende Angst. Und schließlich: Anpassung an die Kampagne, das Kunstwerk wird durch den Blätterwald der Medien verdeckt, mit der „Zett“ als Collagen-Klebstoff. Selbstzensur wird als „Aufklärung“ ausgegeben, der Kniefall als Erfolg vermittelt.
 
Südtirols Gesellschaft rückt nach rechts. Religiöse Werte, Glaube und Ordnung sollen Orientierung bieten in einer Welt, die Unsicherheit und Angst verbreitet. Eine religiöse Haltung gehört zur mentalen Grundausstattung Tirols, keine Frage. Dass Kunst aber auch ein Möglichkeits- und Erprobungsraum ist, um den Ansturm der Gegenwart besser zu bewältigen, wird absichtsvoll verkannt.
Die vor kurzem entdeckten Hakenkreuze und Symbole von Südtiroler Neonazis haben nicht entfernt so viel Erregung geweckt wie Kippenbergers Frosch. Nur zur Erinnerung: Das Hakenkreuz ist die größte Verhöhnung von Christentum und Menschenrechten.
 
Fazit: Es steht nicht gut um Südtirol. Große Bevölkerungsgruppen sind entfernt von Liberalität und Gelassenheit, die sie als Haltung weder anstreben noch kennen. Der Herbst wird den Rechtsruck politisch ratifizieren, mit einem Plebiszit für christliche Ausländerfeinde und Gralshüter selbstbestimmter Tirolität, das „Heilige Jahr“ 2009 wird den Rechtsdrall weiter unterfüttern. Der Frosch ist daher der Wetterbote eines kalten Polit-Klimas. Aber es gibt keinerlei Grund zum Zurückweichen, sondern es wächst nur die Lust, die Spießer in die Schranken zu weisen und Zeugnis abzulegen für andere, liberale Traditionen und Optionen Südtirols.